Neue Geistliche Lieder…

Abraten möchte ich jedoch vom Neuen Geistlichen Lied (in der heiligen Messe), das viel an Ehrfurcht in unserer Kirche zerstört hat. Gero Vehlow schreibt in seinem lesenswerten Buch ‚Maria in der Musik‘: ‚In der Kirchenmusik hat es im Zeitraum von weniger als vier Jahrzehnten ein so starkes Absinken des Niveaus gegeben wie in keiner anderen musikalischen Gattung.‘
Hier besteht ein viel zu wenig beleuchteter Zusammenhang zwischen u.a. dem Schwund der Mundkommunion, der Hochaltäre und Kniebänke und letztlich dem Glauben der Menschen im allgemeinen und der Einführung mehr und mehr „kreativer Elemente“ und „Zusammengebasteltem“ in der heiligen Liturgie der Kirche, die den Kirchgängern das Gefühl wahrer Anbetung immer fremder hat werden lassen. Poplieder und Neues Geistliches Lied sind ein Ausdruck dieser Strömung. Natürlich haben auch Einflüsse von außen, wie die wandelnden Wertvorstellungen der Gesellschaft und die falsche Definition von Freiheit zu dieser Entwicklung beigetragen. All dies kann ich hier nur kurz andeuten, da es sonst den Rahmen sprengen würde.
Ich verstehe, dass diese spärlich begründeten Aussagen von manchem Leser mit Skepsis und Unverständnis gelesen werden können und möchte daher versuchen, behutsam und verständlich zu erklären, was damit gemeint ist.
Zunächst gilt zu definieren, welche Lieder ich unter dem Begriff „Neues Geistliches Lied“ verstehe. Eine Sammlung mit typischen Neuen Geistlichen Liedern ist das Liederheft „Unterwegs“, das in unserem Bistum (Trier) verbreitet ist und u.a. vom Deutschen Liturgischen Institut und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken herausgegeben wurde. Ich schlage das Büchlein aufs Geratewohl auf und vor mir liegt das Lied „Freunde, dass der Mandelzweig“. Hier der Text der ersten Strophe:
Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
Ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
So geht es während 4 Strophen weiter, ohne dass Gott ein einziges Mal erwähnt wird.
Nächstes Beispiel, „Wir kommen und gehen“ von Zenetti/Biersack:
Wir kommen und gehen, Wolken im Wind,
Wer kann es verstehen, wozu wir sind?
Wir kommen und gehen, Spuren im Sand,
Die Spuren verwehen, keinem bekannt.
Drittes und letztes Beispiel, „Wo Menschen sich vergessen“ von Laubach/Lehmann:
Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen,
und neu beginnen, ganz neu,
Da berühren sich Himmel und Erde,
dass Friede werde unter uns.
Diese Art von Liedern habe ich also damit gemeint, Lieder, die zum großen Teil musikalisch banal sind, textlich an der Oberfläche bleiben und nicht zu Gott hinführen. Solche Lieder sind für die Liturgie unpassend.
Wahrhaft liturgische Lieder sind Gebete, die direkt an Gott oder an die Heiligen gerichtet sind. Keine philosophischen Essays oder hochtrabende Gedankenausschweifungen mit sozialkritischem Touch, die vielleicht das Lebensgefühl einer Generation beschreiben, denen jedoch das Zeitlose - entsprechend dem Zeitlosen der Liturgie - vollständig abgeht. Mit der Zeit wurde durch jene modernen (oder sollte man mittlerweile nicht sagen altmodischen?) Lieder im Zusammenhang mit den falsch verstandenen Liturgiereformen der 60er und 70er Jahren das Verständnis der heiligen Messe nach und nach ausgehöhlt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie wenig Raum viele Lieder dieser Epoche dem lieben Gott gewähren und stattdessen den Menschen mehr und mehr ins Zentrum des Geschehens zu rücken bestrebt sind.
Eine prägnante und gute Beschreibung der Kritik an den seit den 60er Jahren auftauchenden Neuen Geistlichen Liedern liest man auf Wikipedia:
Innerhalb der römisch-katholischen Kirche wächst zunehmend die Kritik am Neuen Geistlichen Lied. Gegner dieser Gattung werfen dem sogenannten „NGL“ eine Profanierung des Mysteriums des katholischen Glaubens vor. Lieder wie „Ins Wasser fällt ein Stein“, „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ oder ähnliche Stücke moderner Art entsprechen nach der Auffassung vieler katholischer Theologen nicht Charakter und Würde der katholischen Liturgie. Viele Lieder seien zwar für Katechesen geeignet, jedoch lassen sich aufgrund ihrer oftmals unliturgischen Texte für sie kein Platz im Gottesdienst finden. Und auch das II. Vatikanische Konzil spricht sich in seinen Dokumenten für den Erhalt der klassischen Kirchenmusik aus.
Dennoch halten sich diese, ich nenne sie mal „Wohlfühl-Lieder“ in vielen Gemeinden hartnäckig bis auf den heutigen Tag. Sie vermitteln nichts von der Heiligkeit des liturgischen Geschehens. Ihnen fehlt gänzlich die Aura katholischer Mystik, die der Mensch braucht, um ein Gefühl für des grenzenlose Gut, das die heilige Messe für die Menschheit darstellt, zu gewinnen. Durch das Verdrängen der Musik der Mönche des Mittelalters und der polyphonen Meister der Renaissance hat der Gläubige gewissermaßen den Bezug zum Heiligen in der Musik verloren und tut sich zuweilen schwer, einen Zugang zu „alter“ Musik zu finden, die objektiv gesehen freilich nicht alt und verstaubt, sondern in höchstem Maß aktuell und eben zeitlos ist. Nicht umsonst stürmten die Mönche von Heiligenkreuz die Charts mit ihrer CD „Music for Paradise“, die frei von populären und verharmlosenden Arrangements den Gregorianischen Choral in wohlklingendster, schlichter Authentizität einem breiten Publikum zugänglich gemacht hat. Diesen Erfolg kann man sich letzten Endes nur durch die Sehnsucht der Menschen nach heiliger Musik, die der Seele eine Ahnung des Ewigen zu schenken vermag, erklären.
Ist es nicht in höchstem Maß bedauerlich, dass liturgische Kirchenmusik, allen voran der Gregorianische Choral aus dem Gemeindeleben vielerorts vollständig ausgestorben zu sein scheint? Es mangelt schließlich nicht an würdigem Liedgut, dem noch das Vermögen innewohnt, die Herzen der Gläubigen zu Gott zu erheben. Dennoch gilt dem Banalen oft der Vorrang gegenüber dem Kunstvollen in der Kirchenmusik. Gefragt sind Priester, Kirchenmusiker und Kirchenchöre, die den Mut haben, die alten Schätze katholischen Liedguts aus der Versenkung zu heben und von den großen Bischofsmessen bis in die kleinen Pfarreien hinein wieder in ihrer unendlichen Schönheit neu erklingen und aufblühen zu lassen.
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