Musik der Anbetung
29/05/09 08:12 Kategorie: Musik

Nun ist Gott sei Dank mit Papst Benedikt ein wahrer Kenner zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden, der sich auch immer wieder zu Problemen der Kirchenmusik geäußert hat. Einige dieser Schriften wurden 2008 von Franz Josef Stoiber im Herder Verlag in einem schönen Sammelband unter dem Titel „Im Angesicht der Engel“ veröffentlicht. Es ist erstaunlich, mit welcher Klarheit der „Mozart der Theologie“ (Kardinal Meisner) auch zu diesem Thema profunde Analysen vorgelegt hat.
Die Musik sollte in der Kirche erklingen, um Gott zu loben, nicht um sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. „Liturgische Musik muss demütig sein; ihr Ziel ist nicht der Beifall, sondern die Erbauung.“ - „Musik, die Medium der Anbetung werden will, bedarf der Reinigung; nur so kann sie selbst reinigen und ‚erheben‘“.
Der Papst beruft sich auf den hl. Thomas von Aquin, wenn er schreibt:
„Loben ist selbst eine Bewegung, ein Weg; es ist mehr als Verstehen, Wissen, Tun - es ist das ‚Aufsteigen‘, Rühren an den, der im Lobgesang der Engel wohnt. (…) Solches Aufsteigen reißt den Menschen heraus aus dem, was gegen Gott steht. Wer die verwandelnde Macht großer Liturgie, großer Kunst, großer Musik je erfahren hat, weiß dies. Das tönende Lob führt uns und andere zur Ehrfurcht“ (…) und „weckt den inwendigen Menschen auf.“
Welcher Art sei nun dieses klingende Lob? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, muss man zuerst eine tieferes Verstehen für die Liturgie gewinnen: „Der Streit um die Kirchenmusik wird symptomatisch für die tiefere Frage, was Gottesdienst sei.“ Liturgie sei natürlich „für alle da. (…) Sie muss daher ‚einfach‘ sein. Aber das Einfache ist nicht das Billige. Es gibt die Einfachheit des Banalen, und es gibt die Einfachheit, die Ausdruck der Reife ist. In der Kirche kann es nur um diese zweite, die wahre Einfachheit gehen.“
Ein Problem sei das falsche Verständnis der „participatio actuosa“, die tätige Teilnahme des ganzen „Gottesvolkes“ an der Liturgie. „Aber dieser Begriff ist doch nachkonziliar einer fatalen Verengung verfallen. Es entstand der Eindruck, als ob tätige Teilnahme nur da vorliege, wo feststellbare äußere Aktivität - Reden, Singen, Predigen, liturgische Assistenz - vorliegt.“ Aber, „ist Vernehmen, Aufnehmen, Ergriffensein nichts Aktives“?
Ohne den Raum der Stille in der Liturgie kann die Seele ihr Herz nicht zu Gott erheben. Wer ständig in äußere Tätigkeiten wie aufstehen, setzen, knien, reden, singen usw. eingebunden ist, wird schwer innerlich zur Ruhe kommen können. Manchmal scheint es mir, als hätte man nicht nur in der säkularen Welt, sondern auch in der Kirche Angst vor allzu langer Stille und Schweigen. Wenn wir schweigen, heißt das noch lange nicht, dass Gott schweigt. Wir müssen hörende Christen werden. Um dorthin zu kommen, müssen wir den Weg der Reinigung gehen und das Hören sowohl von Musik als auch von Stille neu erlernen.
Dadurch wird unser Herz für Gott bereitet und wir werden nach und nach von selbst ein besseres Verständnis für den angemessenen Duktus einer Musik, die Gott in würdiger Weise preist, gewinnen können. Der Gläubige muss der heiligen Messe in einer Haltung tiefen inneren Gebets beiwohnen. Nur der wahre Beter kann „den Vater anbeten im Geist und in der Wahrheit“ (vgl. Joh 4,23).
Leider kann nicht jeder diesen Weg so einfach beschreiten. Was ist, wenn man nicht zur Ruhe kommen kann in der Messe, wenn es einem einfach nicht gelingt, das Herz zum Gebet zu erheben? Genau in diesem Fall kann die Kirchenmusik ihren höchsten Dienst erfüllen: „Sie legt den verschütteten Weg zum Herzen, zur Mitte unseres Seins frei, dahin, wo es sich mit dem Sein des Schöpfers und des Erlösers berührt. Wo immer dies gelingt, wird Musik die Straße, die zu Jesus führt; der Weg, auf dem Gott sein Heil zeigt.“
Eine liturgische Musik, die diesem Anspruch zweifelsohne gerecht wird, ist der Gregorianische Gesang. Leider haben viele Katholiken den Zugang zu dieser wahrhaft himmlischen Musik verloren. Das ist mehr als bedauerlich, darf aber nicht so einfach von unseren Bischöfen und Priestern hingenommen werden. Sie mögen unsere Pfarreien und besonders unsere Kirchenchöre an das II. Vatikanische Konzil erinnern, das in der Konstitution über die heilige Liturgie „Sacrosanctum Concilium“ „den Gregorianischen Choral als den der römischen Liturgie eigenen Gesang“ vorsieht, weshalb er „in ihren liturgischen Handlungen, wenn im übrigen die gleichen Voraussetzungen gegeben sind, den ersten Platz einnehmen“ soll. Ich stelle leider immer wieder fest, dass dem Gregorianischen Choral in unseren Kirchen oft der letzte Platz zugewiesen wird.
Nach dem Gregorianischen Choral kennt die Kirchenmusik in ihrer Tradition natürlich noch viele andere Gesänge, die in der Lage sind, das Herz der Gläubigen für Gott zu öffnen, seien es nun anspruchsvolle Chormessen oder einfache Gemeindelieder.
Abraten möchte ich jedoch vom Neuen Geistlichen Lied, das viel an Ehrfurcht in unserer Kirche zerstört hat. Gero Vehlow schreibt in seinem lesenswerten Buch „Maria in der Musik“: „In der Kirchenmusik hat es im Zeitraum von weniger als vier Jahrzehnten ein so starkes Absinken des Niveaus gegeben wie in keiner anderen musikalischen Gattung.“
Hier besteht ein viel zu wenig beleuchteter Zusammenhang zwischen u.a. dem Schwund der Mundkommunion, der Hochaltäre und Kniebänke und letztlich dem Glauben der Menschen im allgemeinen und der Einführung mehr und mehr „kreativer Elemente“ und „Zusammengebasteltem“ in der heiligen Liturgie der Kirche, die den Kirchgängern das Gefühl wahrer Anbetung immer fremder hat werden lassen. Poplieder und Neues Geistliches Lied sind ein Ausdruck dieser Strömung. Natürlich haben auch Einflüsse von außen, wie die wandelnden Wertvorstellungen der Gesellschaft und die falsche Definition von Freiheit zu dieser Entwicklung beigetragen. All dies kann ich hier nur kurz andeuten, da es sonst den Rahmen sprengen würde.
Bleibt zu hoffen, dass die untrennbare Verbindung zwischen Ehrfurcht vor dem Allerheiligsten und ihrem würdigen Ausdruck durch die Sprache der Musik aufs Neue besonders von jungen Christen wiederentdeckt wird, damit die Kirche eine Neubelebung des Glaubens erfahre.