Vollkommenes Klavierspiel

Über einen meinen Lieblingspodcasts, „Was heute geschah“, wurde ich darauf aufmerksam, dass vorgestern vor 59 Jahren, also am 16. September 1950 der legendäre rumänische Pianist Dinu Lipatti sein letztes Konzert im französischen Besançon gab. Es gibt - Gott sei Dank - einen Mitschnitt dieses phänomenalen Konzerts.

Lipatti hatte seine professionelle Karriere als Konzertpianist gerade mal 15 Jahre zuvor mit Dame
Myra Hess' Transkription des Bach-Chorals „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben BWV 147“ begonnen. Ein gutes Jahrzehnt später ließen heftige Fieberschübe Böses ahnen. 1947 wurde eine seltene Form der Leukämie bei Lipatti diagnostiziert, die so genannte Hodkinsche Krankheit. Aufgrund seiner körperlichen Schwäche musste er zahlreiche Konzerte absagen. Die Entdeckung des Cortisons ließ eine Heilung der schweren Krankheit erhoffen, doch blieb die Behandlung letztlich erfolglos. 1950 fand das eingangs erwähnte Konzert statt. Auf dem Programm stand die erste Partita Johann Sebastian Bachs in B-Dur BWV 825, Mozarts a-moll-Sonate KV 310, zwei Schubert-Impromptus sowie die 14 Walzer von Frédéric Chopin. Auf dem zugeklappten Notenpult des Flügels stand ein Glas Wasser. Den letzten Walzer konnte der geschwächte Lipatti nicht mehr spielen. Stattdessen beendete er das Konzert mit dem Stück, mit dem er seine Karriere begonnen hatte: dem Bach-Choral „Jesus bleibet meine Freude“.

Jesus bleibet meine Freude,
Meines Herzens Trost und Saft,
Jesus wehret allem Leide,
Er ist meines Lebens Kraft,
Meiner Augen Lust und Sonne,
Meiner Seele Schatz und Wonne;
Darum lass ich Jesum nicht
Aus dem Herzen und Gesicht.

Dieses bewegende musikalische Vermächtnis blieb der Nachwelt dank des Mitschnittes von Dinu Lipattis „Abschiedskonzert“ erhalten. Für mich ist diese Aufnahme eine der schönsten Klavieraufnahmen schlechthin. Eine unerschöpfliche Tiefe durchdringt die Interpretation Lipattis, jede Note ist beseelt von religiösem Geist, der uns die Ewigkeit erahnen lässt. Die Klangkultur dieses begnadeten Pianisten bleibt unübertroffen. Man beachte das gleichmäßige Perlen der dahinfließenden Triolen in der rechten Hand und die wundervollen Choral-Einschübe, die wie runde, volltönende, weiche Glockentöne das Gebet des Bach-Chorals wiedergeben. Ein Musizieren, das in der Tiefe der Seele berührt.

3 Monate später erlag Dinu Lipatti seiner tödlichen Krankheit im Alter von nur 33 Jahren.




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