MusicMonday: Ballade Nr. 2 op. 64

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Wie versprochen werde ich zum heutigen „MusicMonday“ meine 2. Ballade vorstellen. Einige Hintergründe zu meinen Balladen findet ihr hier, wo ihr euch die erste auch noch einmal anhören könnt. Am kommenden Montag steht die dritte und vorläufig letzte Ballade mit einer ausführlichen Einführung auf dem Programm.



Hintergrund

Die „Ballade Nr. 2 op. 64“ gehört zu einem Kapitel meines Lebens, das mir mittlerweile sehr fremd ist, aber dennoch untrennbar zu meinem Werdegang gehört. Wie bereits in der Geschichte meiner Bekehrung erwähnt, setzte ich mich eine Zeit lang intensiv mit fernöstlichen Philosophien und Meditationspraktiken auseinander. Daraus resultierte u.a. das Klavierstück op. 5 mit dem ketzerischen Titel „Mantrische Messe“ sowie einige andere Kompositionen aus den Jahren zwischen 1998 und 2001.

Ich hegte damals eine Vorliebe für hinduistische und buddhistische
Mantren, besonders für das tibetische Mantra „Om Mani Padme Hum“. Stundenlang rezitierte ich dieses buddhistische Gebet, freilich ohne nennenswerte Früchte, außer einem wohligen Eingelulltsein, das sich nach etlichen Wiederholungen der Silben bei mir einstellte. Wie fast alle Dinge, die in meinem Leben eine gewisse Rolle spielten, floss auch diese Erfahrung in meine Musik hinein, indem ich um das Jahr 1999 einen Kanon über das Mantra komponierte. Dieser Kanon erfreute sich sogar bald einer gewissen Beliebtheit in esoterischen Kreisen und erfuhr eine weitere Verbreitung durch die Aufnahme mit dem Obertonsänger Christian Bollmann und dessen „Obertonchor Düsseldorf“, mit denen ich im Jahr 2000 eine ausgedehnte Improvisation über das Thema in mehreren Konzerten zur Aufführung brachte.

Das Potential der schlichten Melodie schien mir nach diesen Erfahrungen noch nicht ausgeschöpft und ich begann mit der Komposition eines komplexeren Klavierstückes, das zugunsten einer strengen Form und Kompositionstechnik frei von improvisatorischen Momenten sein sollte. Daraus entstand die zweite Ballade. Einige Jahre später, nach meiner Bekehrung zum katholischen Glauben, durfte ich glücklich feststellen, dass der Kanon sich wunderbar mit den Worten des „Kyrie/Christe eleison“ unterlegen lässt. Obwohl ich jegliches Rezitieren von Mantras über Bord geworfen habe, konnte ich so diese Melodie, die mir sehr wertvoll ist, für meine Kompositionen und sogar für die Liturgie (in Form der „
Missa Amicorum op. 80“) beibehalten.


Ballade Nr. 2 op. 64 by davidianni

Analyse

Die zehnminütige Komposition basiert ausschließlich auf 2 Elementen, einem Begleitmotiv und dem Hauptthema.

Abschnitt I. Auf einer langen Pedalnote wird das Gegenmotiv zum Hauptthema in einer kurzen Introduktion eingeführt, noch bevor das Thema des Kanons in Erscheinung tritt:

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Das Motiv – nennen wir es „Quartmotiv“, da es sich aus Quarten zusammensetzt – sinkt in den nächsten Takten um jeweils einen Ton, bis es schließlich ab Takt 5 (0’33’’) ohne Unterbrechung wie ein unaufhaltsamer Motor das Stück in Gang setzt und sobald nicht mehr verschwinden wird. Bei 0’46’’ erklingt nun feierlich das Hauptthema:

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Es wird viermal wiederholt, wobei nach und nach eine große Steigerung durch verschiedene Techniken stattfindet: die Melodie wird oktaviert (beim 2. Mal, ab 1'15''), später in vollen Akkorden gespielt; der Bass schreitet in Gegenbewegung zum Quartmotiv (das langsam aufsteigt und anschließend wieder sinkt) in Sekundschritten nach unten, um auf der VI. Stufe, dem Des, einen lang anhaltenden Orgelpunkt zu erreichen (2'07''), während das Quartmotiv durch Quinten angereichert den Klang zusätzlich verstärkt. Beim letzten der ersten 4 Wiederholungen des Themas (2'31'') ist die Klangmasse wieder abgeebbt, und Thema und Gegenmotiv ertönen erneut einstimmig. Zum Ausklang dieses ersten Abschnittes wird das Quartmotiv unmerklich verdoppelt und in beiden Händen gespielt (2’56’’) – fast so, als würde man doppelt sehen: das Motiv tritt quasi aus sich heraus, um etwas später (3’07’’) mit den Obertönen des tiefen, vorherrschenden Quartmotivs zu verschmelzen und wieder zu verschwinden.

Abschnitt II. Nun ertönt in halbem Tempo das Thema in gewichtigen Bassoktaven (3'19''). Darüber klimmt das Quartmotiv von neuem stetig nach oben. Eine Duodezime höher angelangt, mischt sich bei 4'03'' eine fließende Achtelbewegung in Sekundschritten dazu (abgeleitet aus dem Schluss des Kanons), die sich auf der modalen Tonleiter nach oben schraubt. „Quartmotiv“ und „Achtelbewegung“ laufen sich entgegen, bis sie quasi ineinanderfallen (4'23''). In dieses Kreisen werden die Anfangstöne des Themas noch einmal zart hineingetupft (4'33''), bevor das Quartmotiv wieder dupliziert wird, sich verlangsamt und endlich zueinanderfindet bei 4'58'': hier spielen beide Hände einstimmig auf den gleichen Tasten!

Wir haben den Gipfel des Stücks erreicht (5'07''): Die Verengung des Kanons in lichter Höhe wird in fast zerbrechlich wirkenden Quinten gespielt. Es gibt kein begleitendes Quartmotiv mehr in Achtelnoten, das für ein gewisses Vorwärtsdrängen der Zeit sorgen würde. Die Zeit scheint zum Stillstand gekommen zu sein. – Auf diesen Hauch von Ewigkeit muss unweigerlich ein Abstieg und ein „Wiedereintritt in die Zeit“ erfolgen, was jetzt durch das wiedereinsetzende Quartmotiv in harmonischer Weise passiert (5'38''). Das Quartmotiv erscheint zeitlich leicht versetzt in beiden Händen (wie eben der Kanon) und bewegt sich in seinem je eigenen Rhythmus in aller Ruhe nach unten, bis…

Abschnitt III. …das Quartmotiv in seiner ursprünglichen Gestalt bei 6'32'' wiederkehrt und die Reprise einleitet. Das Thema erscheint genau wie zu Anfang, doch bemerkt man, dass sich das Thema bei 7'28'' aus dem Bass herauskristallisiert, nur wesentlich langsamer als das Thema im Diskant. Es wird auch nicht zu Ende geführt, sondern erreicht den Grundton wieder (bei 7'45'') und verwandelt sich in eine Begleitfigur (eine Abwandlung des Quartmotivs), die das Thema umspielt, indem sie sich über die ganze Tastatur bis zum höchsten Ton erstreckt, um schlussendlich wieder auf dem tiefen F im Bass zu landen, das den Kanon ein letztes Mal in einer weiteren Metamorphose anstimmt (8'13''). Auch an dieser Stelle gibt es keine Achtelbewegung mehr, nur noch den bedächtigen Puls des Themas. Hier offenbart sich der Kanon in seiner vierstimmig angelegten Polyphonie. Da sich die vier Stimmen nicht von zwei Händen allein spielen lassen, musste ich mich eines ungewöhnlichen Mittels bedienen: dem Hinzufügen der eigenen Stimme. Der vierte Einsatz wird jetzt also vom Solisten gesungen (8'51''). Auf dieser Aufnahme, die von der Uraufführung 2001 stammt, hört ihr das zu Eingang zitierte Mantra in all seiner Pracht… Zugegeben, diese Takte sind mir etwas unangenehm, aber ich wollte sie euch nicht vorenthalten. Nachdem wir diese peinliche Stelle überstanden haben, läuft der Kanon mit seinem Schlussmotiv, das sich noch ein paarmal wiederholt, aus (9'32''). Das Quartmotiv erklingt ein letztes Mal, fast wie zu Beginn, nur langsamer und über zwei Oktaven verdoppelt. Am Schluss löst es sich sozusagen in seine Einzeltöne auf und verklingt auf dem höchsten C der Klaviatur.


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