„Die Winterreise“ aus der Sicht des Sängers

ZZ45CEA043
Eine Einführung in Franz Schuberts „Winterreise“ von Marion Michels.

“Am Brunnen vor dem Tore” oder “Das Wandern ist des Müllers Lust” - jedem fällt hier der Begriff “Deutsches Volkslied” ein und eventuell der Name: Franz Schubert. Wer allerdings für die Texte verantwortlich zeichnet, ist den meisten Leuten nicht bekannt. Wer war der Dichter dieser Lieder, die Schubert einen “schauerlichen Zyklus” nannte, als er die Winterreise vertonte?
„Am Brunnen vor dem Tore“ oder „Das Wandern ist des Müllers Lust“ - jedem fällt hier der Begriff „Deutsches Volkslied“ ein und eventuell der Name: Franz Schubert. Wer allerdings für die Texte verantwortlich zeichnet, ist den meisten Leuten nicht bekannt. Wer war der Dichter dieser Lieder, die Schubert einen „schauerlichen Zyklus“ nannte, als er die Winterreise vertonte?

Wilhelm Müller (1794-1827) Dichter, Publizist und Journalist

- Er wurde am 7. Oktober 1794 als Sohn eines Schneidermeisters in Dessau geboren (zwischen Leipzig/Halle und Magdeburg).

- Seine Mutter starb bereits früh, 1804, als er gerade mal 10 Jahre alt war. Der Vater heiratete ein zweites Mal eine wohlhabendere Witwe. Dies ermöglichte Wilhelm Müller den Besuch der weiterführenden Schule und später der Universität.

- Er zeigt sich als begabter Schüler, fällt aber durch seinen Hang zur Unabhängigkeit und einen gewissen Leichtsinn auch negativ auf.

- Bereits im Elternhaus kam er in Kontakt mit dem Liedgut wandernder Gesellen, die im Handwerkerbetrieb seines Vaters ein- und ausgingen, und das ihn für sein späteres lyrisches Schaffen nachhaltig prägte.

- Nach dem Schulabschluss immatrikulierte er sich im Sommer 1812 an der von Wilhelm von Humboldt neugegründeten Universität Berlin zum Studium der Klassischen Philologie mit Anglistik und Geschichte und mit der damals noch recht jungen Wissenschaft der Germanistik.

- Nach wenigen Monaten geriet er in den Sog der sogenannten Freiheitskriege. Nach der Niederlage Napoleons in Russland wagte Preußen den bewaffneten Aufstand gegen die französische Besatzung, und es war selbstverständlich in den studentischen Kreisen, sich diesem Kampf anzuschließen. So meldete Müller sich 1813 als Kriegsfreiwilliger. Die militärischen Stationen führen ihn nach Prag und Brüssel, von wo er erst im November 1814 nach Berlin zurückkehrte, um seine Studien weiterzuführen.

- Er verkehrt in den literarischen Salons, wo er allgemein gern gesehen ist wegen seines Konversationstalentes, und macht Bekanntschaft mit namhaften Autoren wie Achim von Arnim, Clemens Brentano und Friedrich de la Motte Fouqué.

- Sein Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ nahm Gestalt an als direktes Ergebnis eines Partyspieles, das im Hause des Ratsmitglieds Friedrich von Stägemann zu dieser Zeit stattfand, obschon es erst 1820 veröffentlicht wurde. Es war ursprünglich als Rollenspiel gedacht.

- 1817 bot sich ihm die Gelegenheit zu einer ausgedehnten Studienreise nach Griechenland und den Vorderen Orient (Kleinasien und Ägypten). Er wird von der Akademie ausgewählt, den preußischen Baron von Sack zu begleiten. Die erste Station der Reise war Wien, wo Müller während eines mehrmonatigen Aufenthalts Kontakt zu griechischen Exilanten bekommt, die in ihm die Begeisterung für die griechische Unabhängigkeit von den Türken entfachten. Wegen eines Pestausbruches in Konstantinopel wird die Reiseroute vorerst nach Italien geändert, wo Müller den mediterranen Lebensstil kennen- und lieben lernt. Es kommt zur Entfremdung mit dem Baron.

- 1818 tritt er die Rückreise nach Dessau an, und in Deutschland stellt sich rasch Ernüchterung ein: in einem Brief schreibt er: „Das Vaterland hat mich mit Reif und Schnee und Nebel begrüßt, das wäre noch zu ertragen, aber die Philisterei …“ Hier kündigt sich bereits die Stimmung der späteren „Winterreise“ an.

-1819 kommt er zurück nach Dessau, wo er seinen Lebensunterhalt als Lehrer, Bibliothekar und Journalist bestreitet.

- Seine „Siebenundsiebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines fahrenden Waldhornisten“, die den von Schubert vertonten Liederzyklus „Die schöne Müllerin“ enthalten, wurde 1820 veröffentlicht. Er widmete seine Lyrik renommierten Komponisten, wie Carl Maria von Weber oder Felix Mendelssohn-Bartholdi, denen er sich freundschaftlich verbunden fühlte, wohl in der Hoffnung auf eine spätere Vertonung, jedoch keiner von ihnen setzte sie in Musik.

- 1821 erscheint das erste Heft der „Lieder der Griechen“, das Müller über Nacht populär machte und ihm den Spitznamen „Griechen-Müller“ einbrachte. Im selben Jahr heiratet er die aus den ersten Familien Dessaus stammende Adelheid Basedow, womit ein gesellschaftlicher Aufstieg verbunden war. 1824 wird er zum Hofrat ernannt.

- 1824 erscheint der zweite Band mit „Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines fahrenden Waldhornisten“, der „Die Winterreise“ enthält.

- Müller hatte eine Begabung für fließende und evokative Verse in der Manier des Volksliedes und er bemühte sich um ein engeres Zusammenspiel von Dichtung und Musik. „Ich kann“, vertraute der gerade 21 Jahre alt gewordene ambitionierte Lyriker seinem Tagebuch an, „weder spielen noch singen, und wenn ich dichte, so sing ich doch und spiele auch. Wenn ich die Weisen von mir geben könnte, so würden meine Lieder besser gefallen als jetzt. Aber getrost, es kann sich ja eine gleichgesinnte Seele finden, die die Weise aus den Worten herausholt und sie mir zurückgibt.“ Eine Paradoxie aus Müllers Leben ist, dass er die Vertonungen seiner Zyklen durch Franz Schubert nie zu Gehör bekam. Dabei avancierte seine Lyrik durch Schubert zu den vermutlich bekanntesten deutschen Gedichten überhaupt und Müller wurde zum Anhang des „großen“ Schubert degradiert. Dabei war er nicht nur ein bemerkenswerter Lyriker, der von Zeitgenossen wie Heinrich Heine in höchsten Tönen gelobt wurde, sondern auch ein produktiver Schreiber von Artikeln, Berichten und Aufsätzen von sowohl ästhetischen wie auch politischen Themen.

- In einem Brief vom 7. Juni 1826 schrieb Heine an Müller:

„… aber ich glaube erst in Ihren Liedern den reinen Klang und die wahre Einfachheit, wonach ich immer strebte, gefunden zu haben. Wie rein, wie klar sind Ihre Lieder, und sämtlich sind es Volkslieder. Ja, ich bin groß genug, es sogar bestimmt zu wiederholen, und Sie werden es mal öffentlich ausgesprochen finden, daß mir durch die Lektüre Ihrer „Siebenundsiebzig Gedichte“ zuerst klargeworden, wie man aus den alten vorhandenen Volksliedformen neue Formen bilden kann, die ebenfalls volkstümlich sind, ohne daß man nötig hat, die alten Sprachholperigkeiten und Unbeholfenheiten nachzuahmen. Im zweiten Teil ihrer Gedichte fand ich die Form noch reiner, noch durchsichtig klarer - doch, was spreche ich viel von Formwesen, es drängt mich mehr, Ihnen zu sagen, daß ich keinen Liederdichter außer Goethe so sehr liebe wie Sie … Nur Sie, Wilhelm Müller, bleiben mir also rein genießbar übrig, mit Ihrer ewigen Frische und jugendlichen Ursprünglichkeit …“

- Die letzten Jahre des inzwischen zweifachen Vaters sind geprägt von einer längeren Keuchhustenerkrankung, die jedoch Müllers Geschäftigkeit erst nicht einzudämmen scheint. Im Frühjahr 1827 ist er jedoch mit seinen Kräften am Ende. Er nimmt für unbestimmte Zeit Urlaub und reist mit seiner Frau nach Süddeutschland, wo ihm seine Verehrer, darunter Schwab, Hauff, Uhland und Kerner einen herzlichen Empfang bereiten. Nur Goethe verhält sich ihm gegenüber distanziert.

- Einige Tage nach der Rückkehr in Dessau, in der Nacht vom 30. September auf den 1. Oktober, stirbt Wilhelm Müller, noch nicht 33 Jahre alt, an einem Schlaganfall.

Ich habe diese biographischen Daten zusammengetragen aus einem Nachwort von Winfried Stephan in dem Buch „Wilhelm Müller: Die Winterreise“, herausgekommen bei Diogenes und einem Nachwort von Hans-Rüdiger Schwab in dem Buch „Wilhelm Müller: Die Winterreise“, herausgekommen bei insel taschenbuch.
Ich möchte Ihnen nun einen Zugang zum anschließenden Zyklus „Die Winterreise“
aus der Sicht des Sängers geben, der in erster Linie um die Interpretation des müllerschen Textes bemüht sein muss. Für mich stehen mehr die Worte Wilhelm Müllers im Vordergrund, als die schubertsche Musik. Franz Schubert stellt dem Sänger eine dem Text in beachtlicher Weise folgende Melodik als Transportmittel zur Verfügung. Es ist wohl der Genialität der müllerschen reinen, klaren und übersichtlichen Sprache zu verdanken, dass Schubert Melodien fand, die sich weitgehend am gesprochenen Wort orientieren. Die eigentliche Musik jedoch kommt vom Klavier, die unter dichter Anlehnung an die Worte die Bilder und Stimmungen der Gedichte kommentiert, den Sänger sozusagen durch das Labyrinth an Gefühlen leitet. Der Klavierpart gerät heute leider oft bei zeitgenössischen Darbietungen oder Tonaufnahmen zu sehr in den Hintergrund. Der Pianist ist nicht nur der Begleiter des Sängers, sondern wesentlicher Mitgestalter des gesamten Kunstwerkes, gleichberechtigter, ebenbürtiger Partner und nicht nur Be-g(e)-leiter, sondern Leiter. Mit seinen ouvertüreartigen Vorspielen ebnet er dem Sänger den Einstieg ins nächste Geschehen, stimmt den Sänger wie auch die Zuhörer bereits ein in die Atmosphäre des kommenden Gedichtes und rundet die dort behandelten Ideen mit seinen Nachspielen ab. Das Genie Schuberts verstand es hervorragend die Feinheiten bis ins letzte Detail der müllerschen Sprache zur Geltung zu bringen, jedoch suggeriert der Text neben dem Sinngehalt des ausgesprochenen Wortes auch noch eine Vielzahl an Nicht-Ausgesprochenem, an Allegorien und Metaphern, an Andeutungen zwischen den Zeilen, die es gilt dem Zuhörer durch die individuelle Interpretation zu vermitteln. Hier sind die persönliche Vorgeschichte des Sängers und des Pianisten gefragt, hier soll persönlich Erlebtes eingewoben werden, hier soll die Reife der beiden Musiker persönliche Akzente setzen, um als Darsteller glaubhaft zu sein. Auch kommt es beim Sänger nicht so sehr auf Schönheit und Frische der Stimme an, als vielmehr auf Kultiviertheit und Gewandtheit des musikalischen Ausdrucks.

Oberflächlich betrachtet handelt „Die Winterreise“ von einem jungen Mann, der den Ort seiner geglaubten oder gewünschten Bestimmung, seiner Wahlheimat, wegen verschmähter Liebe verlässt. Je mehr der Flüchtende sich von seiner Vergangenheit geographisch entfernt, umso näher kommt er ihr durch quälende Erinnerungen. Oft verfährt Wilhelm Müller dabei nach dem Prinzip der Kontrastdarstellung: meistens werden erst süße Erinnerungen ausgemalt, die dann im gleichen Atemzuge von einer eindringlichen Beschreibung seiner augenblicklichen Lage in trostloser, einsamer Winterkälte, Allegorie seiner Trauer, gefolgt werden. Einige Beispiele: im ersten Gedicht „Gute Nacht“: „… Der Mai war mir gewogen / Mit manchem Blumenstrauß. / Das Mädchen sprach von Liebe, / Die Mutter gar von Eh‘, - / …“ Hier schlägt es nun unerwartet um mit den knappen, aber deutlichen Worten: „… Nun ist die Welt so trübe, / Der Weg gehüllt in Schnee.“ Im 4. Gedicht „Erstarrung“ verfährt er andersrum: „Ich such‘ im Schnee vergebens / Nach ihrer Tritte Spur, / Wo sie an meinem Arme / Durchstrich die grüne Flur. // Ich will den Boden küssen, / Durchdringen Eis und Schnee / Mit meinen heißen Tränen, / Bis ich die Erde seh‘.“ Im 5. Gedicht „Der Lindenbaum“ hören wir in der ersten Strophe: „Am Brunnen vor dem Tore / Da steht ein Lindenbaum; / Ich träumt‘ in seinem Schatten / So manchen süßen Traum. / Ich schnitt in seine Rinde / So manches liebe Wort; …“ usw. Die zweite Strophe wirft uns hinein in seine Nacht, in seine Wanderung durch Eiseskälte und Dunkelheit, und in der letzten Strophe pfeift uns ein feindlicher, aus dem Klavier aufbrausender Wind um die Ohren: „Die kalten Winde bliesen / Mir grad ins Angesicht / Der Hut flog mir vom Kopfe, / Ich wendete mich nicht. …“ Die
knappen Sätze Müllers sind vielleicht die eindringlichsten, so z.B. wenn er ohne größere Umschweife im 6. Gedicht „Wasserflut“ schreibt: „… Wirst mit ihm die Stadt durchziehen, / Muntre Straßen ein und aus; / Fühlst du meine Tränen glühen, / Da ist meiner Liebsten Haus.“ Dem „Da ist meiner Liebsten Haus.“ kann man sich nicht entziehen: hier ist Schmerz ohne beschreibende Worte ausgedrückt, hier fühlt nur derjenige Schmerz, der Ähnliches an sich selbst erfahren hat, hier lauert der Schmerz zwischen den Zeilen. Ein weiteres Kontrastbeispiel findet sich im 7. Gedicht „Auf dem Flusse“: „Der du so lustig rauschtest, / Du heller wilder Fluß, / Wie still bist du geworden, / Gibst keinen Scheidegruß.“ Der Fluss wird zur Allegorie seiner selbst: außen ist er zur Leiche erstarrt, aber innen, unter der eisigen Decke schwillt es: „Mit harter, starrer Rinde (man beachte die klangmalerische Anhäufung des Buchstaben „R“) / Hast du dich überdeckt, / Liegst kalt und unbeweglich / Im Sande ausgestreckt.“ Nun folgen die Erinnerungen, die guten, wie die unangenehmen: „In deine Decke grab‘ ich / Mit einem spitzen Stein …“ (der spitze Stein als Metapher des schneidenden Schmerzes, hervorgerufen durch seine Erinnerung) „… Den Namen meiner Liebsten / Und Stund und Tag hinein: // Den Tag des ersten Grußes, …“, dann unvorbereiteter Kontrast: „… / Den Tag, an dem ich ging; / Um Nam‘ und Zahlen windet / Sich ein zerbroch‘ner Ring.“ Und dann vergleicht er sich rhetorisch fragend, sich selbst erkennend, mit dem Wesen des Flusses: „Mein Herz, in diesem Bache / Erkennst du nun dein Bild? Ob‘s unter seiner Rinde / Wohl auch so reißend schwillt?“ Das 8. Gedicht „Rückblick“ ist das beste Beispiel für des Wanderers quälende Erinnerungen: in den beiden ersten Strophen schildert Müller die panikartige Flucht: „Es brennt mir unter beiden Sohlen, / Tret‘ ich auch schon auf Eis und Schnee, …“ (kontrastierende, widersprüchliche Wörter: „brennen“ und „Eis und Schnee“) „… / Ich möcht nicht wieder Atem holen, Bis ich nicht mehr die Türme seh‘. …“, usw. Die liebgewonnene Erde brennt ihm wie glühende Kohlen unter den Füßen: sie löst in ihm die Schmerz bringenden Erinnerungen aus. In der 3. und 4. Strophe ergießt er sich kontrastierend in eine friedliche Beschreibung: „Wie anders hast du mich empfangen, / Du Stadt der Unbeständigkeit! / An deinen blanken Fenstern sangen / Die Lerch und Nachtigall im Streit. // Die runden Lindebäume blühten, / Die klaren Rinnen rauschten hell, …“ (Blanke Fenster im Kontrast zu den jetzigen zugefrorenen. Klare, hellrauschende Rinnen im Kontrast zu dem still gewordenen, kalt und unbeweglich zugefrorenen, verschlossenen Fluss) - Und dann erhalten wir vielleicht den einzigen Anhaltspunkt zur Person unseres Wanderers: „… / Und ach, zwei Mädchenaugen glühten. - Da war‘s gescheh‘n um dich, Gesell!“ - Das könnte der Müllergeselle aus der „Schönen Müllerin“ sein. Auf jeden Fall ist es ein junger Mensch, der sich wegen seiner Ausbildung auf Wanderschaft befindet.

Außer diesem flüchtigen und vielleicht sogar unbeabsichtigten Hinweis aus dem 8. Gedicht erfahren wir zur Person des Aufbrechenden, des Flüchtenden, des Wanderers nichts. Und das vermutlich
doch mit Absicht, da es an sich nicht um die Person des Erzählenden geht; diese kann beliebig ausgetauscht werden. Jeder kann die Rolle des Erzählenden einnehmen. Die Winterreise-Erfahrung ist beliebig austauschbar. Es gibt so viele Winterreisen, wie es Individuen, wie es Schicksale gibt.

Es könnte sich aber des besseren Verständnisses wegen beispielsweise um diesen Müllergesellen aus dem ersten Zyklus „Die schöne Müllerin“ handeln; wir könnten also „Die Winterreise“ gewissermaßen als eine Art Fortsetzung dieser ersten Erzählung sehen oder „Die schöne Müllerin“ als Prolog sozusagen zur „Winterreise“. Die oberflächliche Handlung des ersten Zyklus‘ malt einen Müllergesellen, der sich in die hübsche Müllertochter verliebt. Er plant gewissermaßen, diese später zu ehelichen und dann die Geschäfte seines Meisters und erhofften Schwiegervaters zu übernehmen. Er hat allerdings die Rechnung ohne den tapferen draufgängerischen Jäger gemacht, der mit seinem Waldhorngebraus und seinen kläffenden Hunden bei Fuß, in schmucker Jägeruniform aus dem Wald herausbricht und die Müllertochter nachhaltiger beeindruckt als er, der einfache, bescheidene, untergebene ruhige Müllergeselle, der die Welt sicher nicht aus den Angeln zu heben versucht. Liebe nimmt ihren Anfang meistens über das Auge, und hier hat der nichts fürchtende, sich angeberisch gebärdende, nichts hinterfragende Jäger bessere Karten als der scheue, sich nicht aufdrängende, der eher introvertierte, wegen der weißen Mehlfarbe stets bleich und schwach scheinende Lehrling. Nicht die noble, idealisierte, völlig ergebene Gesinnung triumphiert, sondern der schnöde Aufputz, das Oberflächliche, das Äußerliche!

In beiden Zyklen, besonders in „Der Winterreise“, ist die primäre Handlung nur Alibi um einer parallel verlaufenden inneren, seelischen Handlung als Transportmittel zu dienen. Die innere Handlung hat therapeutischen Charakter. Es ist eine Art Wanderung zum Ich, eine Art Selbstsuche, ein Sich-Finden, ein Sich-Selbst-Erkennen, ein Sich-Ergeben in die eigenen Unzulänglichkeiten, in das eigene Unvermögen.

Während der Müllergeselle noch einen Vertrauten, einen Ansprechpartner hat (der Zyklus war ursprünglich als Rollenspiel gedacht), nämlich den Bach, an dem entlang von Berufs wegen sein Weg ihn führt, so ist der Wanderer in der Winterreise völlig allein, nur noch auf sich selbst gestellt. Sein Gesprächspartner ist meistens er selbst, er führt quasi Selbstgespräche, die Geliebte sich ab und zu an seiner Seite als Adressat seines Wahnes vorstellend. Oder es sind seine unvermeintlichen Weggefährten: der Schnee, seine Tränen, der Lindenbaum, das Dorf, die Felsengründe, die Postkutsche, die Krähe, das Wirtshaus, der Totenacker, die ihn stets an sein Schicksal erinnern. „Die Winterreise“ entstand noch vor freudianischer Zeit, ist also eher geprägt von romantischer Anschauungsweise als von späterer Analyse. Das bewusste Erleiden einer Situation wird zum Selbstzweck, zum Lebensinhalt. Wir können hier sogar von einer Ästhetik des Leidens sprechen. So erkennt unser Wanderer gegen Ende des 24 Gedichte umfassenden Zyklus, in Nr. 19 „Täuschung“ treffend: „… nur Täuschung ist für mich Gewinn!“ Bereits im 9. Gedicht „Irrlicht“ ist diese Idee pauschalisierter vorhanden: „In die tiefsten Felsengründe / Lockte mich ein Irrlicht hin: / …“, etwas weiter steht: „ … Uns‘re Freuden, uns‘re Wehen, / Alles eines Irrlichts Spiel!“ Er lebt nur noch der Illusion wegen. Anstatt seinem Leben eine
neue Orientierung zu geben, den Verlust baldigst zu überwinden, hält er krampf- und krankhaft an seiner Niederlage fest, macht sie zu seinem Lebensinhalt. Er identifiziert sich freiwillig als Leidender, als Er-leidender, ist doch diese Rolle sein letzter Liebesbeweis, seine letzte Daseinsberechtigung; sie ist sein einziger Wonnespender, sein einziger Hort, sein einziger Freund. So müssen Schmerz und Verlust, Einsamkeit und Trauer voll durchlebt werden. Ja, er lebt nur des Schmerzes wegen. Gäbe es den Schmerz dieser verschmähten Liebe nicht, so gäbe es diese nicht und somit lebte er nicht. „Wenn meine Schmerzen schweigen, wer sagt mir dann von ihr?“ fragt er im 4. Gedicht. Und weiter klagt er: „Mein Herz ist wie erstorben, / Kalt starrt ihr Bild darin; / Schmilzt je das Herz mir wieder, / Fließt auch ihr Bild dahin!“ Sollte er sich je wieder verlieben, verlöre er die jetzigen Gefühle, verlöre er die letzte Hoffnung, seine letzte und augenblickliche Wärme und Zärtlichkeit, an die er sich verzweifelt klammert wie an einen letzten Strohhalm, und das kann nicht sein! An ihr hängt er, sie ist sein Leben. Der Umfang des durch diesen Verlust ausgelösten Schmerzes wird hauptsächlich in den Anfangsgedichten 3 und 6 mit den Titeln „Gefrorene Tränen“ und „Wasserflut“ ausgedrückt. Die Verkörperung seiner Pein, seines „heißen Wehs“ sind die „heißen“ oder „lauen Tränen“, die sich zur „Wasserflut“, zum Bache akkumulieren. Seine heiße Qual vermag das Eis seiner seligen Erstarrung zu durchbrechen. Aber wozu? Doch nur: um ihm noch größeren Schmerz beizufügen!

Einige der Gedichte erscheinen auf den ersten Blick als „nur“ primär narrativ, jedoch vermitteln sie beim näheren Betrachten bereits sehr subtil die Seelenstimmung des Wanderers. So z.B. das erste Gedicht „Gute Nacht“. Mit ihm befinden wir uns gleich inmitten der Handlung, es gibt
keinen Anfang, keine Vorgeschichte: Nacht und Schnee, und unser Wanderer isoliert und allein, die Einsamkeit symbolisiert durch die Nacht, den Schnee, die Kälte, die hinter ihm ins Schloss fallende Tür, das Vorübergehen am Tor, das Hinaustreiben, das Weggehen, das Sich-Selbst-Wegschleppen aus der Geborgenheit der Gemeinschaft, aus der Sorglosigkeit, diese wiederum symbolisiert durch die Ruhe, den Schlaf, den Traum. Er ist isoliert, abgeschnitten, da er sich nicht unter den Schlafenden befindet. Er, der einzige Wache - dies könnte bereits als erste Metapher gelten: der einzige In-Sich-Gehende, der einzige sich und alles Hinterfragende, und das Resultat dieser Hinterfragung: eisige Einsamkeit, schaurige Isoliertheit. Keiner will sie hören, keiner sieht sie an, diese Erkenntnis, diese Wahrheit des Lebens.

Er geht allein durch Nacht und Winter, und dieses Bild wird akustisch untermalt durch irre bellende Hunde, die ihn vertreiben. Seine Umgebung ist ihm feindlich gesinnt. In Nr. 17 „Im Dorfe“ fiebert er: „Es schlafen die Menschen in ihren Betten, / Träumen sich manches, was sie nicht haben, / Tun sich im Guten und Argen erlaben; // Und morgen früh ist alles zerflossen.“ Hier wird ihm seine Andersartigkeit gegenüber den gemeinen Menschen klar. Er
muss sie hassen um seine eigene Realität zu ertragen und zu rechtfertigen. „Bellt mich nur fort, ihr wachen Hunde, / …“ (er ist zum Hund degradiert, steht als Wachender auf gleicher Stufe mit ihnen) „… Laßt mich nicht ruhn in der Schlummerstunde! / Ich bin zu Ende mit allen Träumen. / Was will ich unter den Schläfern säumen?“ Er folgt keinem Traum mehr von glücklichem Familienleben, von Geborgenheit - er ergibt sich in sein Los. Solche Hinweise gibt es mehrere: so z.B. im 9. Gedicht „Irrlicht“: „Wie ich einen Ausgang finde, / Liegt nicht schwer mir in dem Sinn. // Bin gewohnt das Irregehen, / ‚s führt ja jeder Weg zum Ziel: …“ , und etwas weiter: „… Jeder Strom wird‘s Meer gewinnen, / Jedes Leiden auch sein Grab.“ Im letzten Gedicht „Der Leiermann“ heißt es: „… Und er läßt es gehen, alles, wie es will, …“. Er fügt sich, geht seinen eigenen Weg immer tiefer in die Einsamkeit, in die Isolierung hinein, verfolgt von Todesahnungen, diese symbolisiert unter anderem durch „Die Krähe“, ein bedrohliches, schwarzes, ihn beständig umflatterndes und verfolgendes Wesen, und eine „Straße“, die er gehen muss, und „Die noch keiner ging zurück.“

Als Schubert seinen Freunden die Winterreise zum erstenmal mit heiserer Stimme vorsang, diesen „schauerlichen Zyklus“, da wollte diesen als einziges Lied nur das 5., „der Lindenbaum“ gefallen. Allerdings ist dieser Lindenbaum nicht der blühende Lindenbaum, wie wir ihn uns am liebsten ausmalen („… die runden Lindenbäume blühten, …“), sondern ein schwarzer bedrohlicher Riese, der im Sturm der Nacht wild mit seinen Greifarmen umherfuchtelt. In des Wanderers Erinnerung jedoch ist er der blühende Lindenbaum und verheißt die Ruhe … vielleicht die ewige Ruhe. Im deutschen Volkslied „In einem kühlen Grunde“ (i) heißt es: „Hör ich das Mühlrad gehen, ich weiß nicht was ich will, ich möcht am liebsten sterben, da wär‘s auf einmal still.“ Der Lindenbaum will unseren Wanderer zur Stille verführen, zum Sterben verlocken, zum Freitod, ja vielleicht zum Sich-Aufhängen an diesem für ihn so symbolträchtigem Baum.

„Fremd bin ich eingezogen, / Fremd zieh‘ ich wieder aus.“ Mit diesem ersten Satz aus der Winterreise wird eindringlich lapidar, quasi wie eine Überschrift der ganze Inhalt der äußeren, wie auch der inneren Handlung resümiert. Das Wandern inmitten Fremder ist des Wanderers selbst auferlegtes Schicksal. Er wird immer ein Fremder bleiben und muss dies nun - vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben - am eigenen Leibe erfahren. Und dabei lernt er, dass er sich selbst vielleicht noch am fremdesten ist. Er hat den Anschluss, das Vertrauen nicht gefunden, er bleibt ein ewiger Außenseiter. Im Gedicht Nr. 17 „Im Dorfe“ heißt es: „Es bellen die Hunde, es rasseln die Ketten;“ und „Bellt mich nur fort ihr wachen Hunde,“ ja bereits im ersten Gedicht sagt er: „Was soll ich länger weilen, / Daß man mich trieb hinaus? / Laß irre Hunde heulen / Vor ihres Herren Haus;“ Im 5. Gedicht „Der Lindenbaum“ berichtet er: „Die kalten Winde bliesen / Mir grad ins Angesicht / Der Hut flog mir vom Kopfe …“, im 8. Gedicht heißt es: „Hab‘ mich an jedem Stein gestoßen, /
So eilt‘ ich zu der Stadt hinaus; / Die Krähen warfen Bäll‘ und Schloßen / Auf meinen Hut von jedem Haus.“ Sogar die untätigen Steine sind ihm feindlich gesinnt, mit den Bäll‘ und Schloßen werden er und sein Los verspottet – von jedem Haus. Die Krähen als Symbol für das Gelächter der in den Häusern Schlafenden, die sich selbst nicht einmal die Mühe machen, ihm ihren Spott zu bekunden. In seiner Ausgestoßenheit von der menschlichen Gemeinschaft wird er auf die Stufe des Wildes degradiert. „… Und auf den weißen Matten / Such ich des Wildes Tritt.“ Das Wild ist einerseits frei, unabhängig, vogelfrei, aber auch ängstlich, scheu und stets auf der Flucht. Er ist allein, einsam.

Das Wort „Winter“ verweist auf andere connotative Bedeutungen wie „Jahreszeiten“, stellt also auch einen nächsten Frühling in Aussicht. Für unseren Wanderer bedeutet „Winterreise“ allerdings den Aufbruch oder Auftakt zu seinem
letzten Lebensabschnitt, für ihn wird es keinen neuen Frühling geben, keine Hoffnung, kein neues Leben! Wir Menschen haben nur EINEN Jahreszeitenzyklus zum Leben: EINEN Frühling, EINEN Sommer, EINEN Herbst und EINEN Winter. Ist es nicht schrecklich, so viele Jahreszeitenzyklen erleben zu dürfen und erkennen zu müssen, dass uns nur ein einziger Zyklus an Jahreszeiten gegönnt ist? Der Winter ist die letzte Jahreszeit. Mit dem Aufbruch aus dem Dorf, aus dem Hort seiner Träume, bricht er wohlwissend zur letzten Jahreszeit seines Lebens auf. Der Titel des Liederzyklus lässt das bevorstehende Ende auf irgendeinem Totenacker bereits erahnen. Einen zweiten Frühling wird es per Definition also nicht mehr geben. Er weiß also von der allseitigen Vergänglichkeit. Seine Weisheit ist die Akzeptanz seines Schicksals. Sein romantisches Verhalten dagegen ist die Nichtakzeptanz, ist das Sich-Aufbäumen gegen diese Wahrheit. Fremd bin ich eingezogen, bin ich eingeboren in diese Welt - fremd zieh‘ ich wieder aus, fremd werde ich sie einst sterbend wieder verlassen. („sterben, ach sterben soll ich allein“, dichtet Theodor Storm (ii) in seinem Gedicht „Lied des Harfenmädchens“). Deprimiert und voller Gram ist der Reisende, weil er erkannt hat, Einsicht erlangt hat über die Begrenztheit allen Daseins, ein Dasein, das jedermann trotz aller Beschwertheit liebt, an dem jede Kreatur festhält, da es das einzige ist, das ihr beschieden ist. Leider ist das Leben nur geliehen, so wie dem Wanderer die Freundschaft des Mädchens und die illusionäre Aussicht auf eine spätere Heirat nur geliehen sind. Fremd muss er diese Welt wieder verlassen, da er nichts Wesentliches hinzugewonnen hat, nichts bleibend Materielles zumindest. Nur die Erkenntnis wurde und ist ihm gewährt. „Winterreise“ steht also im übertragenen Sinn auch für die Wanderung von der Geburt hin zum sicheren Tod. „Reise“ steht für „Evolution“ und „Leben“. Der Wiener Liedermacher Georg Danzer sagt: „wer die Veränderung nicht will, der will auch nicht das Leben“.

Die Frage in Bezug auf die Romantik drängt sich auf: hätte es denn
überhaupt gut gehen können? War sein Vorhaben nicht von vornherein zum Scheitern bestimmt? War diese Liebe nicht wegen seiner Rastlosigkeit, seiner inneren Unruhe zum Scheitern vorbestimmt? Muss er des Wanderns wegen ausziehen? Ist nicht die Wanderschaft seiner Natur am entsprechendsten? Ist er oder will er ein ewiger Außenseiter sein, da er sich mit den gemeinen Menschen nicht zu identifizieren weiß, da seine Bestimmung das Wandern, das Immer-Auf-Der-Suche-Sein, das Evoluieren ist. „Was vermeid‘ ich denn die Wege, / Wo die ander‘n Wand‘rer gehn, / Suche mir versteckte Stege / Durch verschneite Felsenhöh‘n? / … Welch ein törichtes Verlangen / Treibt mich in die Wüstenei‘n?“ fragt der Wanderer sich selbst; und seine Bestimmung erahnend, fährt er fort: „Und ich wand‘re sonder Maßen / Ohne Ruh‘ und suche Ruh‘.“ So wie die Liebe das Wandern liebt, von einem zu dem andern, so hält es ihn, den Rastlosen, auch nicht an einem Ort. Ist nicht die Liebe eine Allegorie seiner selbst? Und noch obendrein von höchster Stelle abgesegnet: denn „… Gott hat sie (die Liebe) so gemacht -“ Also Vorbestimmung, Schicksal! Unser Wanderer erlebt seine vielleicht erste Niederlage, seine erste Ernüchterung: nichts im Leben ist von Dauer, alles befindet sich in Bewegung! „… Die Liebe liebt das Wandern … von einem zu dem andern.“ Es kommt anders als er denkt. „Das Mädchen sprach von Liebe, / Die Mutter gar von Eh‘, - / Nun ist die Welt so trübe, / Der Weg gehüllt in Schnee.“ Ist es noch Liebe, noch Fürsorge oder gar Wut, Aufruhr gegen die vom Mädchen verhängte Schmach, gegen die nicht geplante Wende seines Schicksals, wenn er in Gedanken mit ihr spricht: „Fein Liebchen, gute Nacht! // Will dich im Traum nicht stören, / Wär schad‘ um deine Ruh‘, / Sollst meinen Tritt nicht hören - / Sacht, sacht die Türe zu!“ Hier beispielsweise ist die Entscheidung des Interpreten gefragt. Klingt da nicht vielleicht Verachtung durch, für die Unwissende, für dieses oberflächliche Frauenzimmer, wenn er sagt: „Fein Liebchen, gute Nacht!“ Ist es tieftrauriges Bedauern oder ist es ein revoltierendes „Fein Liebchen“, ein wütendes „gute Nacht“? Sie erkennt ihn nicht, ist seiner nicht wert! So heißt es an ähnlicher Stelle in der „Schönen Müllerin“ im 7. Gedicht: „… und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben: …“ oder im 15. Gedicht, wenn er zum vertrauten Bache spricht: „Kehr um und schilt erst deine Müllerin / für ihren leichten, losen, kleinen Flattersinn, / kehr um!“ Im letzten Gedicht der „Schönen Müllerin“ heißt es sogar: „Hinweg, hinweg, böses Mägdelein, / daß ihn dein Schatten nicht weckt.“ Hier spüren wir deutlich die Kluft zwischen ihm, dem Suchenden und dem sorglosen, unbekümmerten Mädchen.

Im zweiten Gedicht der „Winterreise“, ist das flatterhafte Wesen der Angebeteten durch „Die Wetterfahne“ symbolisiert, und wir spüren seine frühe Ahnung dessen, was ihm von nun an zu widerfahren droht. Es klingt in so manchen Tönen Verachtung, ja sogar Ärger über seine Gutgläubigkeit und die Haltung seiner Liebsten an: „Er hätt‘ es eher bemerken sollen, / Des Hauses aufgestecktes Schild, / So hätt‘ er nimmer suchen wollen / Im Haus ein treues Frauenbild.“ Die Wortwahl „Frauenbild“ steht nicht unbedingt
nur für seine Verachtung oder niederträchtige Bezeichnung seiner einstigen Geliebten, sondern vielleicht auch für das Bild einer Frau, das er sich von seiner Idealfrau macht. Der Betrug hat sich leise, ohne Vorwarnung an ihn herangeschlichen: „Der Wind spielt drinnen mit den Herzen / wie auf dem Dach, nur nicht so laut.“ Darüber hinaus gibt dieses Gedicht uns einen sozialen Hinweis: „Ihr Kind ist eine reiche Braut ...“. Unser Wanderer ist eine schlechte Partie für die Angebetete. Er ist Opfer des Standesbewusstseins, Opfer von beiden Seiten aus betrachtet: 1. für die Familie des Mädchens ist er lediglich zu unvermögend, und 2. für sich selbst erkennt er den Unterschied zwischen beiden Welten genau, erkennt, dass seine augenblickliche und vordergründige Situation nicht durch ihn verschuldet ist, sondern durch seine Vorfahren, und dass er nicht aus seiner Welt hinaus kann, dass er nicht die nötige Kraft und - wie wir im weiteren Verlauf der Winterreise erfahren - auch nicht den nötigen Willen hat, über seinen eigenen Schatten hinauszuspringen.

Dann möchte ich noch auf eine von Wilhelm Müller, meines Erachtens nach, wohl beabsichtigte Onomatopöie, Lautmalerei, ja sogar eine Alliteration in der ersten und letzten Strophe im 15. Gedicht „Die Krähe“ hinweisen, die ich bis heute noch bei keinem Sänger bewusst hervorgehoben fand: das schaurige Kreischen der ständig um seinen Kopf flatternden und ihn verfolgenden schwarzen Krähe wird akustisch hörbar durch eine massive Anhäufung des Buchstaben „R“, der hie und da in den Versen verstreut auftaucht: „Eine Krrrähe warrr mit mirrr / Aus derrr Stadt gezogen / Ist bis heute fürrr und fürrr / Um mein Haupt geflogen.“ Alliterationen: „… warrr mit mirrr …“ und „… fürrr und fürrr …“. Und in der letzten Strophe: „Krrrähe, laß mich endlich seh‘n / Trrreue bis zum Grrrabe!“

Des weiteren möchte ich auf einige schubertsche geringfügige Änderungen am müllerschen Originaltext hinweisen, die zum einen auf gleiche Versfußbetonungen in den verschiedenen Strophen bedacht sind, zum anderen aber in der Mehrzahl bestimmte Textbetonungen verstärken, die unter anderem die Kluft zwischen der Geliebten und unserem Wanderer vertiefen. Auch zeigen sie, wie sehr sich Schubert mit der müllerschen Rhetorik befasst, wie tief er sich des Dichters Text verinnerlicht, wie sehr er um jedes Wort bemüht ist um die Gedichte in Musik zu verwandeln. Hier nur die markantesten Abweichungen: so heißt es im 4. Gedicht „Erstarrung“ bei Müller: „… Hier, wo wir oft gewandelt / Selbander durch die Flur.“ Schubert ersetzt es durch: „… Wo sie an meinem Arme / Durchstrich die grüne Flur.“ Durch das Detail seines Armes verstärkt er die Erinnerung an einstige Innigkeit zwischen beiden Geliebten. Die andere Verskonstruktion ermöglicht ihm das Adjektiv „grün“, das für einstiges, vergangenes Blühen steht. Im ersten Gedicht schrieb Müller am Ende der letzten Strophe: „… Ich schreibe nur im Gehen / Ans Tor noch „Gute Nacht“, / Damit du mögest sehen, / Ich hab an dich gedacht.“ Schubert verzichtet auf das Erzähler-“Ich“ und ändert folgendermaßen: „… Schreib im Vorübergehen / Ans Tor dir „Gute Nacht“, / Damit du mögest sehen, / An
dich hab ich gedacht.“ Bei der geänderten Fassung liegt mehr Gewicht auf der Anrede des Mädchens, und mit den Worten „im Vorübergehen“ wird das am Haus der Geliebten Vorbeigehens plastischer ausgedrückt als mit dem schlichten „im Gehen“ von Müllers ursprünglicher Fassung, auch scheint der Textfluss fließender zu werden. In zwei Fällen ersetzt Schubert zu stark tendierende Worte durch mildere. Im Gedicht „Im Dorfe“ schreibt Müller in der zweiten Zeile der ersten Strophe: „… Die Menschen schnarchen in ihren Betten, …“. Schubert ändert es in: „… Es schlafen die Menschen in ihren Betten, …“. Im „Leiermann“ des müllerschen Textes „brummen“ die Hunde um den alten Mann. Schubert dagegen lässt sie „knurren“, was sicherlich eine glücklichere Wortwahl bedeutet, und der gesamten schauerlichen Atmosphäre dieses Gedichtes gerechter wird. Andere Wortveränderungen dienen hauptsächlich der besseren Aussprache. Im Lied „Frühlingstraum“ lautet das Original in der letzten Zeile: „… Wann halt ich dich, Liebchen, im Arm?“ Bei Schubert lautet die Zeile: „… Wann halt ich mein Liebchen im Arm?“ Die innige Melodie an dieser Stelle erlaubt keine Unterteilung durch Kommata, und vielleicht bevorzugte Schubert bewusst eine unpersonifizierte Erwähnung der Geliebten.

Auch änderte Schubert die ursprüngliche Reihenfolge der Müller-Lieder:
- das im müllerschen Zyklus 6. Lied „die Post“ wird bei Schubert das 13. Lied.
- den müllerschen Liederblock 10 bis 17 („der greise Kopf“; „die Krähe“; „letzte Hoffnung“; „im Dorfe“; „der stürmische Morgen“; „Täuschung“; „der Wegweiser“ und „das Wirtshaus“ setzt Schubert an den Schluss des Zyklus. Aus ihnen werden die Nummern 14 bis 21.
- die zwei Liederpaare 18/19 und 21/22 verlegt Schubert ans Ende der ersten Hälfte. Sie sind fortan die Nummern 9, 10, 11 und 12.
- das Lied Nummer 20 „die Nebensonnen“ tauscht Schubert mit dem vorletzten Gedicht „Mut“.

Dieses zweitletzte Gedicht „die Nebensonnen“ ist nicht unmittelbar verständlich. „Drei Sonnen sah ich am Himmel steh‘n, / Hab‘ lang und fest sie angeseh‘n;“ Wenn in der Atmosphäre Wassertropfen gefrieren, erstarren sie unter Umständen zu Eiskristallen von solcher Größe, dass die einzelnen Kristalle, in der Luft schwebend, sich alle in der selben Weise ausrichten. Dann kann es geschehen, dass das Sonnenlicht, durch die vielen geordnet vorliegenden Kristalle hindurch, wie durch ein einziges großes Glas gebrochen wird. Unter bestimmten Bedingungen mögen uns dann „Nebensonnen“ am Himmel erscheinen. Die Nebensonnen im vorletzten Gedicht stehen also für die unseren Wanderer umgebende eisigste Kälte. Nicht nur in seinem Kopf spuken Wahn und Irrsinn, nein, auch am Firmament scheint es Unerklärliches zu geben. Die Beschreibung der äußeren Handlung spiegelt auch hier die innere Stimmungswelt wider. „Ach, MEINE Sonnen seid ihr nicht, schaut ANDERN doch ins Angesicht.“ Hiermit gibt er einen versteckten Hinweis auf seinen bevorstehenden Tod. Dies sind keine Sonnen mehr, die ihm noch irgendetwas zu bedeuten hätten, diese Sonnen scheinen nur noch für die anderen, die Überlebenden, die Schlafenden, die Sorglosen. Wie sein Tod aussehen wird, ob
natürlicher Art oder durch eigene Hand, wird nicht präzisiert. Einen weiteren Hinweis auf den bevorstehenden Tod finden wir im darauffolgenden Gedicht „Der Leiermann“: „... Wunderlicher Alter, soll ich mit dir geh‘n?“ Diese rhetorische Frage drückt sein „laisser aller“ aus, sein Sich-Nicht-Mehr-Wehren, sein Sich-Gehen-Lassen, seine Bereitschaft zum Tode ... Vielleicht sind die zwei hinabgegangenen Sonnen die letzten Symbole seiner Hoffnung, seines Glaubens (Glaube, Hoffnung, Liebe/Leben/Barmherzigkeit). Ab jetzt macht er sich nichts mehr vor - wie bisher. Er braucht keinen sozialen Status mehr, auch keine Fassade, schon gar keine Scheinfassade, er hat diese Gesellschaft in seinem Kopf bereits verlassen. Bisher hatte er immer noch an die Wende seines Schicksals geglaubt, jetzt nicht mehr! Jetzt bleibt ihm nur noch die Liebe und sein Leben, eine unerwiderte Liebe, ein unausgefülltes Leben, also, ein nicht mehr lebenswertes Leben.

Das letzte Gedicht im Zyklus: „Der Leiermann“ ist wohl das schaurigste von allen. Unser Wanderer ist wie aus seiner Realität, aus seinem Leben herausgetreten, seine Welt aus unbekanntem, ungewohnten Blickwinkel betrachtend.
Expressionistischer hätte Müller es nicht beschreiben können: „Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann / Und mit starren Fingern dreht er, was er kann.“ Er dreht seine Leier wie besessen, das Drehleierrad als Allegorie für das Sich-Ewig-Drehende, das Sich-Ewig-Wiederholende, ein sinnloses Drehen, da ihm doch keiner zuhören will. Die Drehleier ist ein schreckliches Instrument, eine Perversion an Instrument, das Musik macht, jedoch durch seine Mechanisierung keinen Gefühlsausdruck erlaubt: erstarrte Musik, wie der barfüßige Leiermann auf dem Eise erstarrt („mit starren Fingern dreht er was er kann ...“). Obendrein klappern die Holztasten der Leier, die die Seiten im Kasten abdrücken, wie vielleicht die vor Kälte klappernden Zähne des Leiermanns. Es ist krächzende Musik mit einem leiernden Burdonton ... nicht zum Anhören! „Keiner mag ihn hören, / Keiner sieht ihn an.“ Wie in Trance, kurbelt er hysterisch am Griff des schnarrenden Rades mit seinen todgeweihten, knochigen, vor Kälte starren Fingern. „Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her / Und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer.“ Er wird nie zum ursprünglich gesteckten Ziel kommen, sobald noch nicht seine gesuchte Ruhe finden. Wie aus dem Nebel, wie eines seiner Trugbilder, eines seiner Irrlichter, erscheint dem Wanderer plötzlich diese Leiermanngestalt. Von weitem scheint sie unbeteiligt erst, passiv, kraftlos, matt, aber dann, beim Näherkommen entpuppt sie sich als das schrecklich Aktive, das ohne Unterlass an seinem Schicksal dreht. Hatte er doch bereits im 14. Gedicht „Der greise Kopf“ gehofft, seine schwarzen Haare hätten sich über Nacht weiß verfärbt, er wäre zum Greise gealtert und er sei seiner Erlösung nahe, so muss er nun erkennen, hier am Schluss der „Winterreise“ begreifen, dass er erst am Anfang seiner Reise steht; und das ist das Schauerliche!

Der Leiermann ist des Wanderers Spiegelbild, in ihm erkennt er sich selbst, identifiziert sich mit den Worten: „Wunderlicher Alter, soll
ich mit dir geh‘n? / Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh‘n?“ Er sieht sich in der Gestalt des Leiermanns, ähnlich wie im zweitletzten Gedicht (iii) des „Schwanengesang“s, wo es von Heinrich Heine heißt: „Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe, / Und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt; / Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe - / Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt. // Du Doppelgänger, du bleicher Geselle! / Was äffst du nach mein Liebesleid, / Das mich gequält auf dieser Stelle / So manche Nacht, in alter Zeit?“ Und der Leiermann „Dreht und seine Leier steht ihm nimmer still“. Der nicht enden wollende krächzende leiernde Ton schließt den Kreis dieser „Winterreise“, ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende, eine Erzählung, die sich ihren Schluss bis in die heutigen Tage und bis in ferne Zukunft offen zu halten versteht …

Marion Michels


_______________________

i Freiherr von Eichendorff (1788-1857): „In einem kühlen Grunde“ (auch: „Untreue“) Melodie: Friedrich Glück (1814), Satz: Friedrich Silcher (1789-1860)

In einem kühlen Grunde

In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad, Mein Liebchen ist verschwunden, Das dort gewohnet hat. Sie hat mir Treu‘ versprochen, Gab mir ein‘ Ring dabei, Sie hat die Treu‘ gebrochen, Das Ringlein sprang entzwei. Ich möcht‘ als Spielmann reisen Wohl in die Welt hinaus Und singen meine Weisen Und geh‘ von Haus zu Haus. Ich möcht als Reiter fliegen Wohl in die blutge Schlacht, Um stille Feuer liegen Im Feld bei dunkler Nacht. Hör‘ ich das Mühlrad gehen, Ich weiß nicht, was ich will; Ich möcht‘ am liebsten sterben, Da wär‘s auf einmal still.


ii Theodor Storm (1817-1888)

Lied des Harfenmädchens (1885)

Heute, nur heute
Bin ich so schön;
Morgen, ach morgen
Muß alles vergehn!

Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein.


iii Heinrich Heine (1797-1856):

Der Doppelgänger

Still ist die Nacht, es ruhen die Gassen,
In diesem Hause wohnte mein Schatz;
Sie hat schon längst die Stadt verlassen,
Doch steht noch das Haus auf demselben Platz.

Da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe
Und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt;
Mir graust es, wenn ich sein Antlitz sehe -
Der Mond zeigt mir meine eigne Gestalt.

Du Doppelgänger, du bleicher Geselle!
Was äffst du nach mein Liebesleid,
Das mich gequält auf dieser Stelle
So manche Nacht, in alter Zeit?



Untitled
Marion Michels

Erleben Sie die Winterreise mit Marion Michels live am 9. Dezember 2009. Details finden Sie unter Termine.


Bookmark and Share